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Danke lieber Papi
By BEATE LAKOTTA, Sunday, January 04, 2004

Von BEATE LAKOTTA

Im größten Saal des Tagungshotels im spanischen Toledo ist der Kampf um die ersten zwei Sitzreihen im Gange. So geschieht es immer, wenn Menschen auf Bert Hellinger, 76, warten. Alle wollen ihm nahe sein, wenn er die ersten Worte spricht. Doch die Plätze ganz vorn sind für die Vertrauten des alten Mannes reserviert. Und für die "Klienten": So nennt er diejenigen, die zu ihm kommen, weil sie in einer Lebenskrise sind, krank oder psychisch am Ende, und die von seiner Blitz-Therapie eine Lösung erwarten. Dafür sind sie bereit, auf einer Bühne ihr Innerstes vor 500 Zuschauern nach außen zu kehren.

 

Milde lächelnd blickt Hellinger aus hellblauen Augen durch dickes Brillenglas auf sein wuselndes Publikum hinab. Die meisten sind älter als vierzig, Frauen sind in der Überzahl. Hellinger, das Mikrofon in der Rechten, wartet bis Heilpraktiker, Therapeuten, Hausfrauen, Ärzte, Sozialpädagogen, Unternehmensberaterinnen, Allergiker, Krebs-Kranke, Lebenshelfer und Lebensmüde einen Platz auf der nach oben ansteigenden Tribüne gefunden haben.

 

"Zum Anfang mache ich mit euch eine kleine Übung", sagt dann der Mann mit dem mächtigen Kinn: "Schließt alle die Augen." Stille. "Stellt euch eure Eltern vor. Seht ihnen in die Augen. Geht vor ihnen in die Knie. Und sagt: Danke." Schon fließen im Publikum die ersten Tränen.

 

Die Methode, der Helliger mittlerweile Tausende von Bewunderern und Nachahmern in aller Welt verdankt, verspricht schnelle Lösung aus Leid und generationenalter "Verstrickung". Dramatische Gefühlsausbrüche und scheinbar unerklärliche körperliche Reaktionen spielen sich ab, wenn der Therapeut öffentlich "in zehn Minuten erledigt, wofür die Psychoanalytiker Jahre brauchen".

 

Und das geht so: Ein "Klient" schildert in wenigen Sätzen sein Anliegen. Dann wählt er aus dem Publikum "Stellvertreter", welche die Mitglieder seiner Familie und ihn selbst darstellen sollen, und stellt sie in Beziehung zueinander auf. Es können auch Darsteller für Krankheiten hinzukommen, für den Tod, für ein Land, einen Krieg oder gar Gott. Dann wird der Klient zum stummen Statisten. Der Therapeut rückt die Stellvertreter in verschiedene Positionen und fragt sie nach ihren Gefühlen.

 

Nach Hellingers Lehre entsteht dabei ein "wissendes Feld", in dem die Stellvertreter angeblich genauso empfinden wie die echten Familienmitglieder. Mit Hilfe dieser "Energie" bringt der Therapeut "Verstrickungen" in der Familie ans Licht, die sehr oft mit früheren Partnern, jung verstorbenen Ahnen oder abgetriebenen Kindern zu tun haben.

 

Die "Lösung" erscheint dem Therapeuten "blitzartig" und kommt zum Beispiel in einem Kniefall vor dem im Krieg gefallenen Urgroßonkel oder den Eltern zum Ausdruck. Verneige sich der Klient vor deren Stellvertretern, wirke das auf die wirkliche Familie zurück. Hellinger: "Das funktioniert auch, wenn die nichts davon wissen."

 

Die Botschaft des Mannes, der als Anton Hellinger Weltkriegssoldat war, nach dem Krieg als Bruder Suitbert den Mariannhiller Missionaren beitrat und 1971 den katholischen Orden als "Bert" Hellinger verließ und heiratete, ist einfach: Jeder soziale Körper, ob Staat, Organisation oder Familie, sei in naturgegebenen, hierarchischen Ordnungen organisiert - bei Hellinger ein archaisch anmutendes Regelwerk: Kein Mensch löst sich ungestraft von seiner Sippe. Die Frau folgt dem Mann. Kinder haben keine Rechte gegenüber ihren Eltern. Der Erstgeborene hat Vorrang vor dem Zweitgeborenen. Begriffe wie Ehre, Demut, Sühne bestimmen das Weltbild des Ex-Geistlichen, der 13 Jahre als Schulleiter bei den Zulus im Apartheidsstaat Südafrika verbrachte.

 

Verletzt ein Mitglied die Ordnung, verstrickt es sich in Schuld. Krankheit, Scheitern und Tod sind die Folge. Klienten, die die "Lösung" zur Wiederherstellung der Ordnung nicht akzeptieren, haben verspielt: "Er wird sterben. Er geht nicht raus aus der Verstrickung", sagt Hellinger über einen Patienten mit Knochenkrebs, der den Kniefall vor dem Vater verweigert. "Manche Krebskranke sterben lieber, als dass sie sich vor den Eltern tief verneigen."

 

Es sind Urteile ohne Berufung. Ein Spanier, dem Hellinger nach zehn Minuten Aufstellungsarbeit bescheinigt, seine Ehe sei nicht zu retten, will eine Frage stellen. "Bitte ...", setzt der Mann dreimal an. "Wenn er das noch mal versucht, muss er den Saal verlassen", verfügt Hellinger. "Mit seiner Frage zerstört er die Kraft der Aufstellung." Danach fragt kaum noch jemand etwas. Dafür schreiben viele eifrig mit.

 

Sie wollen selber als Therapeuten anwenden, was sie in drei Tagen von ihm gelernt haben. Schon am ersten Abend erhält jeder ein Zertifikat. Um die 2000 Psycho-Helfer, viele ohne fachliche Qualifikation, offerieren seine Methode mittlerweile allein in Deutschland, und jede Veranstaltung bringt neue Aufsteller hervor. Kaum ein Esoterik-Blatt, in dem sich nicht - zwischen Reiki, Rückführung und Heilsteinen - das Familienaufstellen nach Hellinger findet.

 

Doch auch in psychosomatischen Kliniken, sozialpädagogischen Beratungsstellen oder in der kirchlichen Familienbildung stellen Hellinger-Adepten bereits die Familien von Hilfesuchenden auf. An der Katholischen Stiftungsfachhochschule München lehrt ein Psychologieprofessor gar Hellingers wissenschaftlich haltlose Theorien über Psychosen, Suizid oder Depressionen.

 

Seit sich die große Nachfrage von Unternehmen für die lukrativen "Organisationsaufstellungen nach Hellinger" in der Psycho-Szene herumspricht, drängen noch mehr Profis in die Seminare. Kein Wunder, dass auch kassenzugelassene Psychotherapeuten in Wochenendseminaren Hellinger für Privatzahler veranstalten. Dem Therapeuten bietet sie ein Forum für beispiellose Machtentfaltung. Nach einer Viertelstunde ist der Fall erledigt. Nächster, bitte.

 

Hellingers Workshops sind Monate im Voraus ausgebucht. Im letzten Jahr reiste er mit seiner Entourage zu Massenveranstaltungen unter anderem nach Russland, Südkorea, Japan und Israel. In diesem Jahr stehen Kalifornien, China, Taiwan und Mallorca auf dem Reiseplan.

 

In Toledo zahlen die gut 500 Teilnehmer aus ganz Südeuropa, Lateinamerika und Deutschland 310 Euro Tagungsgebühr, in der Pause drängeln sich alle um die Verkaufstische mit seinen Schriften.

 

Eine halbe Million Hellinger-Bücher und Videos sind bereits in Deutschland verkauft, etliche sind ins Englische, Spanische, Russische übersetzt. Im Psychologie-Regal der Buchläden nimmt der Prediger erzkonservativer Werte schon ein Extrafach ein - neben anderen Säulenheiligen: Freud. Jung. Fromm. Hellinger.

 

Auch in den Medien kommt der Erfolgreiche ausgiebig zu Wort. Die "Süddeutsche Zeitung" etwa widmete seiner Methode eine ganze Reihe naiv-lobender Darstellungen, würdigte ihn hymnisch als einen der "großen Psychotherapeuten heute". Dass der Autor zu den Mitreisenden in Hellingers Wanderzirkus gehört und der Internationalen Hellinger-Arbeitsgemeinschaft in München vorsteht, erfährt der Leser nicht.

 

Tatsächlich darf sich Hellinger nicht einmal als "Psychotherapeut" bezeichnen. Zwar schaute er sich in den siebziger Jahren allerhand von den Primär- und Urschreitherapeuten aus den USA ab. Eine anerkannte Ausbildung schloss er aber niemals ab. Auch die Technik der Familienaufstellung hat er nicht erfunden. In ihrer ursprünglichen Form - der Patient kann dabei im therapeutischen Gespräch Zugang zu seinen Gefühlen finden - gehört sie zu den Instrumenten der seriösen Familientherapie.

 

Für seine Instant-Version hat Hellinger die Methode verzerrt: "Eindeutig esoterisch-magisches Denken" sei bei der autoritären Aufstellungsarbeit mit Toten im Spiel, sagt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. "Es geht in Richtung Ideologiegemeinschaft", diagnostiziert Wolfgang Senf, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Psychotherapie: "Ich würde nie daran denken, einen kranken Patienten hinzuschicken."

 

Kenner der Szene attestieren dem Autodidakten eine Art Cäsarenwahn. Auch Sektenbeobachter haben das "Familienstellen nach Hellinger" seit einiger Zeit im Blick. Bei Gregor Müller vom Sekten-Info Essen rufen Angehörige an, weil Familienmitglieder Aufstellungen gemacht haben und jetzt sehr verändert sind. "Die fühlen sich erleuchtet und kehren ihren Freunden und Familien den Rücken, weil die nicht folgen können. Das führt manchmal zum totalen persönlichen Desaster", sagt Müller. "Wir empfinden das als kriminell, aber es ist juristisch nicht festzuklopfen."

 

Doch während Fachleute warnen, lassen sich Laien in Massen von der autoritären Methode in Bann schlagen: Auf einem Lehrvideo exerziert Hellinger die Behandlung einer Schmerzpatientin mit einem Bandscheibenvorfall. "Rückenschmerzen entstehen oft durch eine verweigerte Verneigung", will er herausgefunden haben. Als "Lösung" muss die Klientin vor dem Darsteller ihres Vaters auf die Knie. Die Patientin weint. "Den Kopf runter", sagt Hellinger. "Bis auf den Boden; Arme nach vorn; Handflächen nach oben; und jetzt sag: ,Lieber Papi, ich gebe dir die Ehre.'"

 

Fast nie geschieht es, dass irgendjemand im Saal gegen diese Formen der Nötigung aufbegehrt. Wer erlebt, wie Hellinger seine Aufstellungs-Kandidaten mürbe macht, begreift, warum: Minutenlang seziert Hellinger eine Mittdreißigerin mit seinem Blick, bevor er sie stockend erzählen lässt: Noch nie hatte sie einen Partner. "So lange du noch lächelst, kann ich mit dir nicht arbeiten", fertigt er sie zunächst ab. "Wer lächelt, ist mit der schlimmen Sache einverstanden, die er schildert", erklärt Hellinger den beifällig nickenden Zuschauern. Die Klientin bekommt einen roten Kopf. Keine Chance für eine Erwiderung. Erst als sie anfängt zu weinen, wird er gnädig: "Na gut, ich versuch mal was für dich."

 

Die Frau ist gebrochen, wehrlos und mit den Nerven am Ende, bevor die Sache überhaupt angefangen hat. In ihrem inneren Aufruhr würde sie nach jedem rettenden Strohhalm greifen. Also folgt sie dem Therapeuten. Willenlos. Auch die "Stellvertreter" agieren unter Gefühlsdruck.

 

"Wenn Teilnehmer in so einer Situation auf der Bühne schreien, Bauchschmerzen oder Atemnot bekommen, dann ist diese Wirkung absolut echt", sagt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers. "Die Leute verstehen das dann als Beweis für den Wahrheitsgehalt der Methode. Dabei sind das ganz normale Reaktionen auf derartige psychische Gewalt."

 

In solchen seelischen Ausnahmesituationen findet Hellingers Ideologie widerstandslos den Weg selbst in aufgeklärte Köpfe. Besonders schlimm trifft es in der Regel die Frauen. "In sehr vielen Inzestfällen", doziert Hellinger etwa gern, sei "die Mutter die graue Eminenz des Inzest." Sie verweigere sich dem Vater körperlich und schiebe dem Vater stattdessen die Tochter zu. Der Mann könne dieser Versuchung schwer widerstehen.

 

Um die Ordnung wiederherzustellen, müsse sich das Opfer vor dem Täter verneigen. Dann lässt Hellinger die rituellen Sätze sprechen: "Die Lösung für das Kind ist, dass das Kind der Mutter sagt: ,Mama, für dich tue ich es gern', und dem Vater: ,Papa, für die Mama tue ich es gern'." Oder auch: ,Papa, ich habe es gern für dich gemacht.'"

 

Wer eine stabile Psyche hat, schafft es vielleicht, solche Erlebnisse zu verarbeiten. Bei Hellinger aber kann es ohne weiteres passieren, dass ein Suizidgefährdeter in einer Aufstellung einen Toten spielen muss. In solchen Fällen ist der Effekt kaum vorherzusehen. Untersuchungen darüber lehnt Hellinger ab.

 

Normalerweise erfährt deshalb kaum ein Mensch, wie sich Hellingers Interventionen ausgewirkt haben. Im Fall einer Ärztin aus Norddeutschland machten Angehörige die tödlichen Folgen öffentlich: Die Frau war zusammen mit ihrem Mann, mit dem sie in Trennung lebte, zu einem Seminar in Leipzig angereist. Die gemeinsamen Kinder seien bei ihr nicht sicher, behauptete Hellinger und attestierte der Frau ein "kaltes Herz". Zum Publikum sagte er: "Die Frau geht, die kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch sterben bedeuten." Einen Tag nach dem Seminar nahm sich die Frau das Leben.

 

"Ich habe nicht erkennen können, dass sie selbstmordgefährdet war", wies Hellinger später jegliche Verantwortung zurück. "Ich kannte sie ja nur drei Minuten." Jedem, der an seinen Workshops teilnehme, sei "klar, was auf ihn zukommt", so Hellinger zum SPIEGEL. "Soll ich Mutter spielen für all diese armen Würstchen?"

 

Im Saal in Toledo gibt der alte Mann seiner Gemeinde noch ein Lehrstück mit. Die Luft ist zum Schneiden dick. Zehn Minuten für die letzte Aufstellung vor dem Mittagessen.

 

Die Klientin hat einen geschiedenen Mann, zwei Kinder und leidet an Krebs. Hellinger holt einen großen Holländer auf die Bühne. Der dünne, grauhaarige Mann spielt schon zum dritten Mal den Tod. Er trägt einen schwarzen Anzug. "Die Kinder sind bei deinem Mann richtig", sagt Hellinger zu der Kranken. Sie selbst stellt er neben den Tod: "Dein Platz ist hier." Sie starrt den Holländer an. Sie hat Angst. Sie weint laut, sie kann nicht mehr aufhören. "Sag: Mein Platz ist hier." Die Frau wimmert. Sie schüttelt den Kopf. "Das ist die Wahrheit. Sag es ganz klar." - "Mein Platz ist hier", flüstert sie mit niedergeschlagenen Augen. Hellinger: "Lauter! Schau ihn an!"

 

Dann baut er die Stellvertreter für Sohn und Tochter auf. Hellinger verkündet, was sich ihm zeigt: "Die Tochter wird dir nachfolgen in den Tod. Sie ist nicht zu retten." Die Krebskranke weint noch lauter.

 

"Aber es gibt eine Lösung", wendet sich Hellinger ans Publikum: "Wenn kein Geheimnis daraus gemacht wird, dass die Mutter sterben will, kann die Tochter leben."

 

Dann lächelt er seine Klientin an: "Der Tod ist wunderschön. Weißt du das? Die Engel stehen ums Grab." Die Frau wimmert noch. Sie zittert. Sie schluckt. Dann nickt sie und versucht ein Lächeln. Hellinger schaut ihr lange mit einem hypnotisierenden Blick in die Augen, der entfernt an den eines schläfrigen Katers erinnert.

 

"Sieht sie nicht glücklich aus?", fragt Hellinger dann ins Publikum. "Danke, das war's dann."

BEATE LAKOTTA

 

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