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Glauben Sie nicht jeden Mist
By , Sunday, January 04, 2004

 Bert Hellingers Methode der Familienaufstellungen (vgl. Goldner, 1997) geht von zwei Grundannahmen aus: "Es gibt eine Ordnung im Leben jeder Familie" (Fincke, 1998, S. 16) und "Kinder wollen ihre Eltern lieben" (ebd.). Die Lösung von Konflikten besteht bei Hellinger darin, diese "Ordnungen der Liebe" (Buchtitel, Hellinger, 1996) wiederherzustellen. Nach Hellinger ist ein Verstoß gegen die "Ordnung der Liebe" die Ursache für Erkrankungen, psychische wie physische: "Also Krebs ist meistens eine Sühne, und zwar für Verachtung der Eltern" (Hellinger nach Offergeld, 1997, S. 23).

Die Aufstellungen finden meist in großem Rahmen statt, vor bis zu 500 Teilnehmern. Diese Veranstaltungen werden häufig auf Tonband oder Videokassette aufgezeichnet und später im Handel vertrieben (vgl. Hellinger, 1995, 1999). Einige Teilnehmer sind "Aufsteller" - also die eigentlichen Klienten, deren Probleme auf der Bühne thematisiert werden. In der Regel dauert dies nur wenigen Minuten (dann kommt der nächste Aufsteller dran). Die anderen Teilnehmer schauen bloß zu oder assistieren als Statisten für die Aufstellung: Bei der Aufstellung nimmt sich der Klient andere Teilnehmer als Repräsentanten seiner Familie. Diese stellt er dann so auf, daß sie seine Wahrnehmung der Beziehungen innerhalb der Familie widerspiegeln bzw. symbolisieren.

Der Therapeut greift dann in diese Aufstellung ein und verändert sie, so daß sich eine "Lösung" ergibt. Oft besteht diese Lösung in der Wiederherstellung konservativer Strukturen (Hellinger war früher Ordenspriester), d.h. die Kinder müssen die Eltern respektieren, die Frau den Mann usw. Dies sollen sie oft auch durch einen Satz, den Hellinger ihnen einsagt, den Repräsentanten ihrer Familie gegenüber zum Ausdruck bringen. - Es sind immer wieder dieselben Sätze, die Hellinger "verordnet": "Ich gebe Dir die Ehre" ist wohl Hellingers Lieblingssatz, gemessen an der Verwendung in den protokollierten Aufstellungen. In Verbindung mit einer Verneigung vor der Stellvertreterin der Mutter dient er z.B. als "Behandlung" gegen Rückenschmerzen (Hellinger, 1996, S.68). Hellinger selbst liefert im Interview mit "Psychologie heute" einige weitere erschreckende Beispiele für sein Vorgehen, z.B. bei sexuellem Mißbrauch: "Ich habe sie sagen lassen: ´Papa, ich habe es gerne für dich gemacht`" (Krüll & Nuber, 1995, S.23). Eine Diagnose stellt Hellinger nie, auch wird nicht ausreichend abgeklärt, ob z.B. eine organische Erkrankung vorliegt (was ja bei Rückenschmerzen nicht gerade abwegig ist).

Fincke (1998) berichtet von einem Selbstmord, der sich 1997 im Anschluß an eine derartige Veranstaltung ereignete. Eine Frau und Mutter von 4 Kindern wurde von Hellinger mit der Bemerkung, sie habe ein kaltes Herz, aus der Familienaufstellung entfernt: Sie solle gehen und gehen könne auch sterben heißen. 24 Stunden später hatte sich die Frau das Leben genommen.

Hellingers Arbeiten wird oft als "systemisch" bezeichnet. Simon und Retzer (1998, vgl. Simon & Retzer, 1995) verwehren sich gegen einen Vergleich der Aufstellungen mit der Systemischen Therapie im eigentlichen Sinne (einem vergleichsweise anerkannten Therapieverfahren). Hellingers Vorgehen hat mit der Systemischen Therapie praktisch nichts gemeinsam. Simon und Retzer (1998) sehen diese Differenzierung "als Akt der Aufklärung des Verbrauchers, ja des Verbraucherschutzes" (S. 65).

Obwohl Hellinger selbst keine Schüler ausbildet, gibt es doch mittlerweile einige Dutzend Therapeuten, die "Familienaufstellungen nach Hellinger" anbieten. Die Esoterik-Blättchen in größeren Städten sind voller Anzeigen für derartige Veranstaltungen. - Hellinger selbst fühlt sich für diese Epigonen nicht zuständig, unternimmt aber andererseits auch nichts, um seinen Namen oder seine Methode schützen zu lassen. Stöhr (1999) berichtet über ein Seminar im Berliner Dom, in dem die Technik der Familienaufstellung nach Hellinger geübt wurde. Stöhr erkennt zwar, daß die Vermittlung therapeutischer Techniken an Laien ohne Vorbildung kritisch zu sehen ist, verkennt aber - vermutlich mangels ausreichender eigener Vorbildung -, daß die Technik als solche - auch unter fachkundiger Anleitung - nutzlos bis schädlich ist.

Offergeld (1997) untersuchte die Theorie bzw. die Weltsicht Hellingers. Hellinger grenzt den sonst üblichen Begriff der "Diagnose" von seiner "Wahrnehmung" bzw. "Wahrheit" ab. Hellinger ist also die "Wahrheit" unmittelbar zugänglich, er behauptet, oft mit einem Blick die Probleme des Klienten zu erkennen. Aber Hellinger will nicht nur heilen, er vermittelt auch seine Weltsicht. Diese stützt sich in vielen Teilen auf die Philosophie Martin Heideggers - oder was Hellinger darunter versteht. Bei Heidegger spielt das Ordnungsprinzip der Zeit eine große Rolle. Daraus leitet sich Hellingers Ansicht vom Vorrang des Zuerstgekommen ab:

"Jetzt wird verständlich, warum Hellinger dem Vater diese überragende Rolle zubilligt. Der war schließlich zuerst da" (S. 25). Auch Bezüge auf Nietzsches Vernunftkritik lassen sich bei Hellinger finden, insbesondere der Begriff der "Vernunft vom Leib her". Hellinger grenzt diese "leib"förmige Vernunft von der analytischen Vernunft ab. Kritikern wird von Hellingers Anhängern gerne unterstellt, sie würden sich ausschließlich am naturwissenschaftlichen Vernunftbegriff orientieren. "Das ist Unsinn. Wogegen sie sich wehren, ist die Verabsolutierung eines Vernunftbegriffes, der nur noch die `Wahrnehmung´ als einzige Quelle der Erkenntnis zuläßt" (S. 25).

Viele Intellektuelle und Therapeuten greifen diese Abkehr von der Vernunft und Rationalität gerne auf. Und so gehören v.a. Menschen, die selbst in therapeutischen Berufen tätig sind, zu Hellingers Kundschaft: "Er hat ihnen eine neue Religion gegeben, in der sie selbst Priester sein dürfen" (Offergeld, 1997, S. 26).

 

Was ist, zusammenfassend, an Hellingers Methode zu kritisieren (vgl. auch Anonymus, 1998)?

Alles in allem ist "Hellinger" ein gutes Beispiel, wie auf dem Boden von Wissenschaftsfeindlichkeit und Irrationalismus nicht Freiheit und Emanzipation wachsen, sondern der nicht-diskutierbare Glaube an einen (u.U. reaktionären) Übervater. Auch wenn Hellinger betont, daß er sich selbst nicht als "Guru" sehe: An kritischer Rückmeldung bezüglich seiner "Weisheiten", ist er offenkundig nicht interessiert (vgl. Krüll & Nuber, 1995).

 

Literatur:

 

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